Mittwoch, 26. Juli 2017

Mein persönliches Buch des Jahres

Als ich erfahren habe, dass Eric Stehfest unter die Autoren gegangen ist und das Buch sich mit Crystal Meth auseinandersetzt, bin ich zunächst davon ausgegangen, dass es sich um eine Fiktion handelt.
Niemals hätte ich gedacht, dass der Publikumsliebling von "Let´s Dance" und allzeit gut gelaunter sympathischer junge Mann in diesem Buch von seinem eigenen Leben spricht. Von einem Leben, in dem jeder Tag russischem Roulette gleicht. Eric Stehfest, geboren 1989 und damit kaum älter, als ich selbst, war zehn Jahre lang abhängig von Crystal, einer Droge, die schon lange in jede unserer Gesellschaftsschichten Einzug gehalten hat.



Schauen wir zunächst auf den Klappentext:

"
Ein Buch wie ein Rausch

Wenn die Droge zu deiner Schwester wird, wenn du schon einen Abschiedsbrief an dich selbst verfasst hast, dann bist du am Ende.
Eric Stehfest hat es erlebt, zehn Jahre war Christin seine "Schwester", seine ständige Begleiterin- Crystal Meth. Mit ihr fiel er unglaublich tief und hat sich dennoch gerettet. Nun berichtet er schonungslos, direkt, unverstellt und berauschend literarisch von seinem Doppelleben, seinem Entzug und dem Leben danach.
                   
                                                                                                                                                          "

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Ich hatte als Leser stets das Gefühl, ich war dabei. Bin mit Eric durch die Clubs gezogen, tagelang ohne Schlaf immer auf der Suche nach Liebe und dem nächsten Kick. Angst? Die hatten wir nicht, denn Christin war ja bei uns.
Das Buch ist schonungslos, nimmt keine Rücksicht, genau wie die Droge selbst. Und sie ist noch etwas- leise. Seit ich das Werk gelesen habe, sehe ich die Welt mit anderen Augen. Einige von euch werden jetzt vielleicht denken, dass das ein bisschen übertrieben ist, immerhin ist es ja "nur" ein Buch. Aber es ist so viel mehr als das. Früher dachte ich immer, wenn mir ein Mensch auf der Straße begegnet, der Drogen genommen hat, dann bekomme ich das sofort mit. Ich denke, viele von uns haben so ein klischeebehaftetes Bild von einem Drogenabhängigen im Kopf. Und bis vor kurzem ging es mir noch ganz genauso. Jetzt aber weis ich, dass es jeder sein kann, der sich nach Feierabend unbemerkt vom Rest der Welt den Drogen hingibt. Es kann jeder sein- dein Postbote, der dir jeden Tag freudestrahlend die Pakete bringt, die Bäckerverkäuferin, die dich jeden Morgen grüßt und schon genau weiß, was du haben möchtest oder der geschäftstüchtige Anwalt, der jeden Nachmittag in der Stadt seinen Kaffee trinkt. Du weist es nie und genau das ist es, was besonders diese Droge so gefährlich macht.



Eric Stehfest wuchs in einer sächsischen Provinz auf, ziemlich unspektakulär und langweilig für einen jungen Menschen. Also suchte er das Abenteuer in der Stadt. Dort machte er dann auch die erste Begegnung mit Christin, eine Schwester, die ihn zehn lange Jahre begleiten wird. Dabei wollte er doch nur das, was wir alle wollen- irgendwo dazugehören.
Wir erfahren in dem Buch viel über Erics Kindheit und seine Urgroßeltern. Damals an der Front im Zweiten Weltkrieg nahmen die Soldaten oft Methamphetamin um mit den schrecklichen Bildern jeden Tag fertig zu werden. Auch seine Urgroßväter Hans und Horst wurden abhängig von der, liebevoll "Panzer- Schokolade" genannten Droge.

Neben seiner Familie spielt vor allem eine Person eine große Rolle im Buch- Anja, seine große Liebe. Die Frage, die ich mir gleich zu Beginn gestellt hab, war "Warum hat sie nichts getan?". Warum hat sie zugesehen, wie der Mensch, den sie doch auch liebte, sich und seinen Körper so zerstört? Ich glaube, dass solche Entscheidungen nachzuvollziehen, niemals jemandem gelingen wird, der nicht schon einmal selbst von einer Droge beherrscht wurde.
Die Liebesbeziehung von Eric und Anja wird ausführlich thematisiert. Wer jetzt aber vor Romantik triefende Seiten erwartet, den muss ich schnell enttäuschen. Eric nimmt in seinem Buch kein Blatt vor den Mund. Das gilt sowohl für Liebesdinge, als auch für seine Drogensucht. Ich habe oft ziemlich geschluckt und es kam mir alles so surreal vor. Ich hab mich oft dabei erwischt, wie ich beim Lesen innegehalten habe, um die letzten Sätze zu verarbeiten.

Eine weitere große Liebe Erics, war die, zur Schauspielerei. Somit war es nicht verwunderlich, dass Eric sein unfassbares Talent an einer Schauspielschule unter Beweis stellte. Dass er permanent auf Drogen war, bekam sein zuständiger Lehrer natürlich mit und rettete Eric, vielleicht sogar unbewusst das Leben, indem er ihm einen Zettel Zuhause unter der Tür durchschob auf dem stand "So wirst du wohl umkommen. Ein besorgter Freund". Zu dem Zeitpunkt hatte Eric mit seinem Leben schon soweit abgeschlossen, dass er sich selbst einen Abschiedsbrief schrieb, aus dem ich kurz zitieren möchte:

"
Es ist vorbei. Du hast dich mit einer Substanz angelegt, die als erstes die Täuschung hervorruft, nie wieder ohne sie leben zu können. Du hast ihr Kosenamen gegeben, sie für deine Schwester gehalten, die niemals existierte. Weißt du alles schon. Sie hat nicht nur dich ruiniert, sondern schon Millionen andere vor dir.
                                                                                                                                                      "

Eric führte lange Zeit ein Doppelleben. Zwischen Schauspielbühne und Clubtoiletten. Sein Leben war gezeichnet von Höhenflügen, Panikattacken, Gewaltexzessen, Drogenentzügen, Rückfällen und der ständigen Suche nach dem eigenen Ich.

Für mich ist "9 Tage wach" definitiv das Buch des Jahres und hat den Platz 1 auf der Spiegel Bestsellerliste mehr als verdient. Für manche ist der Schreibstil unter Umständen etwas gewöhnungsbedürftig. Kurze Sätze und schnelle Gedankensprünge, sowie der besondere Schreibstil können manchmal etwas irritierend wirken, haben das Buch für mich aber nur noch interessanter und einzigartiger gemacht. Als Blogger lese ich sehr viel, aber kein Buch hat mich jemals so aufgewühlt und berührt. Mich dazu bewegt, mich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das wir in unserer Gesellschaft gerne verdrängen. Sei es aus Selbstschutz oder einfach nur aus purer Feigheit.

Ich danke dir, lieber Eric, dass du mich hast teilhaben lassen an deiner Geschichte.
Damit schließe ich diesen Artikel nur allzu gern mit Erics Worten: Schenkt euch ein Lächeln!

Sichert euch das Buch mit der ISBN 978- 3- 8419- 0518- 5 bei der Buchhandlung eures Vertrauens.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen